Nachtschicht für die Übersetzer

Nachtschicht für die Übersetzer

Artikel in der Ostthüringer Zeitung vom 29.05.2020

Artikel der Ostthüringer Zeitung vom 29.05.2020. 

Nachtschicht für die Übersetzer

Sayed und Ihab übersetzen die täglichen Corona-Infos ins Arabische und Persische

Von Elke Lier

Gera. Seit dem 14. März hat sich Geras Oberbürgermeister Julian Vonarb (parteilos) mit täglichen Video-Botschaften, zuletzt mit Text-Informationen und Infografiken, zur aktuellen Corona-Situation in der Stadt über seine Facebook-Seite und auf der Geraer Corona-Homepage im Internet an die Geraer gewandt. Wann und wo Masken zu tragen sind, welche Abstände es einzuhalten gilt, wie viele Infektionen, Erkrankungen und Todesfälle das Coronavirus schon forderte, welche Geschäfte geöffnet sind, warum Schulen und Kitas so lange geschlossen blieben – Diese wichtigen Infos haben Rahaf Alsaatri, vor allem aber der Syrer Ihab Aboufoul ins Arabische und der Afghane Sayed Murtaza Hussaini ins Persische übersetzt. 
So konnten auf der Facebook-Seite der Zeitung „nig – Neu in Gera“ auch Migranten aus Syrien, Irak, Libanon, Tunesien, Libyen, Ägypten, Somalia, Eritrea und dem Sudan die Neuigkeiten aus dem Rathaus auf Arabisch und Migranten aus Afghanistan, Iran und Tadschikistan auf Persisch lesen. Nicole Landmann, Migrations- und Integrationsbeauftragte der Stadt Gera, würdigte diese Arbeit ausdrücklich: „Diese Informationen sind bei den ausländischen Mitbürgern sehr gut angekommen und waren hilfreich bei der Durchsetzung der Maßnahmen.“ Auch Oberbürgermeister Vonarb bedankte sich bei den ehrenamtlichen Dolmetschern mehrfach für deren Arbeit.
Bis zu vier Stunden täglich und manchmal auch in Nachtschichten haben Ihab, 44 Jahre und Sayed, 29 Jahre, beide Integrationsbegleiter bei der Otegau, an der Übersetzung der OB-Botschaften gearbeitet. „Wir schauten uns immer ein Stück an, übersetzten dann die Texte in unserer Muttersprache und schrieben sie unter das Video. Manchmal mussten wir es mehrfach ablaufen lassen, um zu verstehen, was gemeint war, denn es sind ja auch viele Fachbegriffe dabei gewesen.“
Sayed habe in Afghanistan ein Germanistikstudium abgeschlossen und in Jena ein Weiterbildungsstudium Deutsch als Fremdsprache aufgenommen. Während der Corona-Zeit unterrichtete er die Sprachkursteilnehmer über die digitalen Medien. „Für mich war und ist das eine sehr positive Aufgabe, Landsleuten die Angst zunehmen. Sie haben sich dadurch sicherer gefühlt. Oft viel mehr als Verwandte in Afghanistan.“ Für die jüngsten übersetzte er eine Corona-Hasengeschichte für Kindergartenkinder von Ursula Leitl.
Ihab Aboufoul, Psychologe und Integrationsbegleiter, saß selbst unter den Belastungen des Ramadan vor den Videos und lieferte sie pünktlich Tag für Tag ab. „Ich sehe das als meine Pflicht, um uns alle zu schützen. Außerdem habe ich dabei viele neue deutsche Wörter gelernt. Wir alle hoffen, dass sehr bald weltweit keine Menschen mehr an dieser Krankheit sterben oder erkranken. Da muss man ganz einfach Solidarität üben und Mitmenschlichkeit zeigen.“